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Was bringt es, die Plazenta nach der Geburt zu essen?

Von STYLEBOOK 13. Juni 2022 11:09 Uhr

Während die einen schon bei der Vorstellung vor Ekel erzittern, schwören andere auf den Verzehr der Plazenta in den unterschiedlichsten Formen – ein Thema, bei dem die Meinungen weit auseinander gehen. STYLEBOOK hat den Gynäkologen und Plazentaforscher Dr. Alex Farr von der Universitätsklinik für Frauenheilkunde der Medizinischen Universität Wien.

Was ist Plazentophagie?

Die Plazenta – das Gewebe, das den Fötus über die Nabelschnur mit Sauerstoff und Nahrung versorgt – erreicht während der Schwangerschaft einen Durchmesser von 15 bis 20 Zentimetern und wiegt bis zu 600 Gramm. Wenn frischgebackene Mütter den Fötus nach der Geburt nicht einfach wegwerfen, sondern für den späteren Verzehr aufbewahren, spricht man von Plazentophagie.

Wissenschaftliche Zeichnung der Plazenta. Die Plazenta kann einen Durchmesser von bis zu 20 Zentimetern haben Foto: Getty Images

Warum essen Frauen ihre Plazenta?

Befürworter versprechen einen besseren Milchfluss, eine schnellere Rückbildung, weniger Schmerzen und die Vorbeugung der in der Medizin als Wochenbett- oder Wochenbettdepression bezeichneten Nebenhöhlenentzündung des Babys durch Plazentophagie. Der Verzehr der Plazenta ist einfach ein natürlicher Vorgang – die Tiere fressen auch die Plazenta, um die darin enthaltenen Nährstoffe aufzunehmen.

Bei der Plazentophagie wird die Plazenta zu Kapseln gepresst, zu homöopathischen Globuli oder Pulver verarbeitet oder nach verschiedenen Rezepturen verarbeitet. Interessierte können den Nachwuchs roh, gebacken, gekocht oder dehydriert zubereiten; dazu gibt es diverse anleitungen im internet. Manche Frauen machen sogar ganze Partys auf der Plazenta – mit ihrer Plazenta.

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Wie gesund ist es, die Plazenta zu essen?

Aber macht es wirklich Sinn, nach der Geburt zu essen? Dr. Alex Farr hat zu dem Thema geforscht und vertritt eine klare Position: Nein. „Da die Plazentophagie potenziell schädlich ist und keinen nachgewiesenen Nutzen hat, sollten Ärzte davon abraten“, schrieb der Gynäkologe im American Journal of Obstetrics and Gynecology. Im Interview mit STYLEBOOK erklärt der Experte: „Es gibt Hinweise darauf, dass bakterielle Infektionen durch den Verzehr der Plazenta übertragen werden können. Theoretisch ist es möglich, dass Viruserkrankungen auf diese Weise übertragen werden. Bisher haben wir jedoch zu keinem von ihnen belastbare Daten.“

Außerdem sollten Sie befürchten, dass Schwermetalle und Toxine über die Muttermilch auf das Neugeborene zurück übertragen werden können. Sie reichern sich während der Schwangerschaft in der Plazenta an. Es gab einen Fall in den Vereinigten Staaten, wo ein Baby nur knapp einer Blutvergiftung entgangen ist, sagte Farr. Dies kann daran liegen, dass die Plazenta gegessen wird.

Laut Farr zeigen Studien an Frauen, die während der Geburt Plazentakapseln einnahmen, dass Mütter „allgemeine Gesundheitsverbesserungen, weniger Schmerzen, mehr Energie und ein verbessertes Stillen“ hatten. Allerdings ist der Mediziner der Meinung, dass es sich dabei wohl in erster Linie um einen Placebo-Effekt handelt. Die befragten Frauen sind ohnehin Befürworter der Plazentophagie.

“Medizinisches Abfallprodukt”

Das US-Bundesministerium für Gesundheit und menschliche Dienste hat 2017 vor einer Plazentalösung gewarnt, da infektiöse Krankheitserreger während der Einkapselung nicht ausreichend eliminiert werden. Noch weiter geht Phare in einem Bericht der Medizinischen Universität Wien. Nicht nur, dass der klinische Nutzen der Plazentophagie wissenschaftlich nicht belegt ist, „aus medizinischer Sicht ist die Plazenta ein Abfallprodukt“. Und: “Da die Plazenta genetisch zum Neugeborenen gehört, grenzt das Essen der Plazenta an Kannibalismus.”

In China wurde die Plazenta einst als Medikament gegen Impotenz und Unfruchtbarkeit vermarktet, später setzte die Kosmetikindustrie auf ihre vermeintlich verjüngende Wirkung – wissenschaftlich bewiesen ist aber nichts.Foto: Getty Images

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Wie schmeckt die Plazenta?

Im Interview erklärte die Gynäkologin, dass die Plazenta der Mutter eine raue Beschaffenheit habe, „eher wie ein dicker, harter Schwamm“. Auf der dem Baby zugewandten Seite ist es von der Eihaut bedeckt und man sieht Gefäße und die daraus entspringende Nabelschnur, vgl. Wie die Plazenta geschmeckt habe, könne er allerdings nicht sagen: „Ich habe sie noch nie gegessen und habe auch nicht vor, dies zu tun. Aber ich vermute, es schmeckt eher nach Leber oder Blutwurst – obwohl es angeblich nicht sehr gut ist.“

Letztendlich muss natürlich jede Frau selbst entscheiden, wie sie nach der Geburt mit sich selbst umgeht. Pflanzen ist in jedem Fall eine gute Alternative zum Füttern: Wer einen Garten hat, kann die Plazenta im Boden vergraben und darauf einen Baum pflanzen.

Quelle

– Farr, A. et al. (2017): Menschliche Plazentophagie: ein Überblick – Medizinische Universität Wien (2017): Gefährlicher Trend: Die Plazenta eignet sich nicht als Superfood – Mit fachkundiger Beratung von Prof. Dr. Alex Farr, Gynäkologe und Plazentaforscher