Man kann den Ukrainern nur den Respekt entgegenbringen, den der Bundespräsident ihnen entgegenbringt. Als Putin vor einem halben Jahr seine Kriegsmaschinerie gegen das einstige “brüderliche Volk” entfesselte, rechnete im Westen kaum jemand damit, dass Kiew lange durchhalten würde. Der Angreifer hat wahrscheinlich auch nicht damit gerechnet. Doch die Ukrainer hatten die Jahre seit dem Einmarsch auf der Krim genutzt, um ihre Streitkräfte zu stärken. Sie sind dem Feind trotz Unterstützung aus dem Westen materiell unterlegen.
Aber die Verteidiger haben eine bessere Moral als die Invasoren: Die Russen führen einen verbrecherischen Krieg, die Ukrainer kämpfen für ihre Freiheit. Sie wissen, was ihrem Land droht, wenn Moskaus Despotie überhand nimmt: Unterjochung und “Entukrainisierung”, womit der Kreml nicht weniger meint als die Vernichtung aller Ukrainer: Staat, Nation, Kultur.
Die Ukrainer verteidigen ein freies Europa
In diesem Krieg verteidigen die Ukrainer aber auch das Selbstbestimmungsrecht aller freien Völker in Europa. Sie stehen an vorderster Front im Kampf um die Prinzipien staatlicher Souveränität und territorialer Integrität, an die sich Putin ebenso wenig hält wie an irgendwelche Verträge. Dann werden die Stimmen, die Kiew raten, sich mit dem Angreifer „auszufinden“, noch lauter, weil die Ukraine den Krieg immer noch nicht gewinnen kann.
Solche anmaßenden Empfehlungen offenbaren eine atemberaubende Blindheit gegenüber Putins Zielen und eine fast unglaubliche Geschichtsvergessenheit. Am 23. August, einen Tag vor dem Unabhängigkeitstag der Ukraine, jährt sich die Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes. Im geheimen Zusatzprotokoll teilten die Diktatoren nicht nur Polen, sondern ganz Osteuropa auf, um später „ihre“ Hälften gewaltsam zu unterwerfen. Der Geist dieses Pakts herrscht wieder im Kreml. Kann man, muss man sich aber nicht gefallen lassen.
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