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Zinsschritt für Juli geplant: EZB leitet Zinswende im Euroraum ein

Stand: 09.06.2022 14:11 Uhr

Die Europäische Zentralbank hat den Kauf von Anleihen eingestellt, ein Auftakt für die von vielen herbeigesehnte Zinswende. Im Juli will sie ihren Leitzins um 0,25 Prozentpunkte anheben. Das ist der erste Anstieg seit zehn Jahren.

Nach vielen Jahren extrem lockerer Geldpolitik beendet die Europäische Zentralbank (EZB) zum 1. Juli ihre milliardenschweren Netto-Anleihekäufe und ebnet damit den Weg für die erste Zinserhöhung in der Eurozone seit 2011. Das habe der Vorstand heute auf seiner Offsite-Sitzung in Amsterdam beschlossen, teilte die Zentralbank mit.

Bei der nächsten Sitzung im Juli werden die Leitzinsen um 25 Basispunkte angehoben. Die europäischen Währungsaufsichtsbehörden werden wahrscheinlich im September eingreifen – sogar noch mehr als im Juli, wenn die Inflation hoch bleibt.

Der offizielle Leitzins – der sogenannte Leitzins – bleibt aber zunächst auf einem Rekordtief von null Prozent. Zudem müssen Banken für geparkte Gelder bei der EZB weiterhin einen Einlagesatz von 0,5 Prozent zahlen.

Eine Zinswende wurde bereits festgestellt

Bereits im Mai wiesen führende Vertreter der EZB, darunter Deutschlands wichtigste Vertreterin im Notenbankrat, Isabel Schnabel, auf eine Zinswende hin. Präsidentin Christine Lagarde hatte im vergangenen Monat angekündigt, dass der Kauf neuer Wertpapiere im dritten Quartal „sehr früh“ abgeschlossen sein solle und die Ära negativer Leitzinsen danach relativ schnell zu Ende gehen solle.

Nach der globalen Finanzkrise, der griechischen Staatsschuldenkrise und später der Corona-Pandemie befindet sich die EZB seit Jahren im Ausnahmezustand. Seine extrem lockere Geldpolitik führte 2016 zu historisch niedrigen Zinsen von null Prozent und Anleihekäufen in Milliardenhöhe.

EZB-Präsidentin Lagarde bezeichnete die Inflation als zentrale Herausforderung für alle

Tagesschau 15:00 Uhr, 9. Juni 2022

Seit 2015 kauft die Zentralbank Staats- und Unternehmensanleihen und pumpt riesige Summen in das System, um die Wirtschaft in Krisen- und Inflationszeiten über Wasser zu halten. Eigentlich peilt die EZB eine Inflation von zwei Prozent als Idealwert für die Wirtschaft an. Jahrelang war die Inflation für die Notenbank zu niedrig. EZB-Präsidentin Christine Lagarde bezeichnete die Entwicklung der Corona-Pandemie nur als vorübergehendes Phänomen.

Rekordinflation von über acht Prozent

Inzwischen hat sich das Bild jedoch dramatisch gewandelt. Angeheizt durch den Krieg in der Ukraine und die damit verbundenen hohen Energiepreise ist die Inflation in der Eurozone zuletzt auf einen Rekordwert von 8,1 Prozent gestiegen. Damit wurde das mittelfristige Kursziel etwa um das Vierfache übertroffen. Denn auch Lebensmittel und viele Rohstoffe sowie Fertigprodukte für die Industrie sind deutlich teurer geworden.

Die EZB hinkt bei der Straffung der Geldpolitik vielen anderen Zentralbanken hinterher. In den USA und Großbritannien sind die Zinsen bereits vor Monaten deutlich gestiegen. Kritiker werfen den europäischen Währungshütern wiederholt vor, zu langsam zu handeln.

Da der wichtige Einlagenzins weiterhin bei minus 0,5 Prozent liegt, müssen Geschäftsbanken weiterhin Strafzinsen zahlen, wenn sie überschüssige Gelder bei der EZB parken. Dies wird Bankkunden oft als Vorwand für Negativzinsen vorgeschoben.

Tempo anziehen ist ein heikles Thema

Gegen die Lagarde-Linie gab es bisher von Seiten der EZB wenig Widerstand. Im Detail wird jedoch debattiert: Einerseits scheint das Tempo der Zinsanhebung im Rat für Geldpolitik heiß diskutiert zu werden. Die sogenannten “Falken”, d.h. Befürworter einer strafferen Geldpolitik wie Österreichs Notenbanker Robert Holtzmann fordern eine schnelle Straffung mit höheren Zinsen. Die vorsichtigeren „Tauben“ befürworten aufgrund der wirtschaftlichen Unsicherheit durch den Krieg in der Ukraine einen „graduellen“ Kurs mit kleineren Schritten. An den Finanzmärkten wird derzeit in diesem Jahr mit einem kräftigen Zinsanstieg von insgesamt 0,5 Prozentpunkten gerechnet.

Unklar ist auch, welches Zinsniveau die Notenbank anstrebt. Entscheidend ist die Höhe des „natürlichen“ Zinssatzes, einer inflations- und wachstumsneutralen Zinsform. Für die Vereinigten Staaten wird dieser neutrale Zinssatz derzeit auf etwa 2,5 Prozent geschätzt. In der Eurozone dürfte sie niedriger ausfallen, was zum Teil auf eine deutlich niedrigere Kerninflation zurückzuführen ist. Auch die Notenbanker der EZB sind anderer Meinung.

Die EZB steckt in einem Dilemma

Einerseits machen höhere Zinsen den Euro für Investoren attraktiver, was die Zinsen erhöhen und damit Importe von Rohstoffen und Energie billiger machen kann. Andererseits verteuern sie Kredite, was Konsum, Investitionen und Nachfrage reduziert. Beides führt laut Wirtschaftstheorie zu einer Dämpfung der Inflation.

Die ohnehin schon kranke Wirtschaft, die unter den Auswirkungen der Pandemie, dem russischen Krieg gegen die Ukraine und materieller Entbehrung leidet, ist jedoch noch weniger bedroht. Steigende Zinsen werden auch Kredite für die Länder der Eurozone verteuern, was insbesondere die Haushalte hoch verschuldeter Länder wie Griechenland und Italien belasten dürfte.