Germany

Angela Merkel wagt sich wieder an die Öffentlichkeit

Aktualisiert am 07.06.2022 07:05

  • Angela Merkel war monatelang äußerst ruhig. Nun wagt sich der Altkanzler wieder an die Öffentlichkeit.
  • Am Dienstagabend stellte sie sich erstmals seit dem Ende ihrer Kanzlerschaft den Fragen eines Journalisten.
  • Vor allem wird mit Spannung erwartet, wie Merkel den russischen Krieg in der Ukraine sieht.

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Altkanzlerin Angela Merkel (CDU) wird an diesem Dienstag (20 Uhr) erstmals seit dem Ende ihrer Kanzlerschaft Fragen einer Journalistin beantworten. Mit Spannung wird unter anderem erwartet, wie sie ihre Politik gegenüber Russland und ihr Verhältnis zu Präsident Wladimir Putin vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieges in der Ukraine kommentieren wird. Der 67-Jährige will laut Einladung mit SPIEGEL-Reporter Alexander Osang über die „herausfordernden Themen unserer Zeit“ sprechen. Die Veranstaltung wird vom Aufbau Verlag und dem Berliner Ensemble organisiert. Osang hat Merkel mehrfach porträtiert.

Zum Krieg in der Ukraine gibt es kaum Aussagen

Nach dem Desaster von Unionskanzler Armin Lashet (CDU) bei der Bundestagswahl im September 2021 erhielt Merkel am 26. Oktober ihre Entlassungsurkunde. Bis zur Vereidigung ihres SPD-Nachfolgers Olaf Scholz am 8. Dezember war sie noch im Amt. Der HDZ-Politiker kündigte daraufhin eine mehrmonatige Pause und eine öffentliche Pause für die Zeit nach Ende seiner Amtszeit an. Zum russischen Angriff auf die Ukraine hatte sie sich in den vergangenen Monaten nur vereinzelt schriftlich geäußert.

Am vergangenen Mittwoch machte Merkel ihrer öffentlichen Zurückhaltung ein Ende und hielt eine Laudatio, als sich der langjährige DGB-Chef Rainer Hoffmann verabschiedete. Als Bundeskanzlerin außerhalb ihres Amtes wolle sie keine Nebenbewertungen vornehmen, sagte sie. Aber Russlands Invasion markierte eine sehr grobe Verletzung des Völkerrechts in der europäischen Geschichte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Sie unterstützt alle einschlägigen Bemühungen der Bundesregierung, der EU, der USA, der Nato, der G-7 und der Vereinten Nationen, “diesen barbarischen Angriffskrieg Russlands zu stoppen”.

Kritik an Angela Merkel für Nord Stream 2.

Merkel hat es sich in ihrer Amtszeit stets zur Aufgabe gemacht, den Verhandlungsfaden mit Putin nicht zu unterbrechen. Sie wolle das Fenster für Lösungen diplomatischer Krisen offen halten. Im kleinen Kreis ließ sie keinen Zweifel daran, dass sie Putin als kühl berechnenden Taktiker einschätzt, von dem sie wusste, dass er sich auch vor Lügen hüten muss. Angesichts der Abhängigkeit Deutschlands von russischen Energielieferungen ist Merkels Haltung gegenüber der russisch-deutschen Gaspipeline Nord Stream 2 kritisiert worden. Unterdessen stoppte SPD-Kanzler Olaf Scholz das Projekt.

Zeit für Hörbücher und Ruhe

Bereits Mitte Juli 2021 hatte Merkel bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Johns-Hopkins-Universität in Washington gesagt, sie wolle nach Ablauf ihrer 16-jährigen Amtszeit langsam handeln. Sie wolle darüber nachdenken, „was mich wirklich interessiert“. Merkel ist seit 2005 Kanzlerin und tritt bei der Bundestagswahl am 26. September nicht mehr an.

Nach Angaben aus ihrem Umfeld entspannte sich die Altkanzlerin in den ersten Wochen nach dem Verlassen ihres Postens bei Temple in der Uckermark, wo sie ein Haus hat, oder bei ausgedehnten Spaziergängen an der Ostsee. Sie ist ein Fan von Hörbüchern geworden und liebt Klassiker wie Macbeth, die Tragödie von William Shakespeare. Bei einem Urlaub in Italien mit engen Vertrauten musste Merkel feststellen, wie viel noch im öffentlichen Interesse lag und wie sehr sie nicht unbemerkt bleiben durfte.

Viele Anfragen aus der Wissenschaft

Merkel wolle ihre Termine bei der Post gezielt auswählen, um den einen oder anderen Schub zu geben, heißt es. Mit klugen Kommentaren wird sie der neuen Bundesregierung aber nicht das Leben schwer machen. Wer ihren Rat will, kann ihn bekommen, aber intern hat Merkel viele Anfragen aus der Wissenschaftsgemeinde nach Gastprofessuren erhalten, die sie bisher aber abgelehnt hat. Auch ein geplantes Projekt für ein Buch mit ihren Memoiren wird wohl noch einige Jahre dauern.

Der Auftritt im Berliner Ensemble ist Teil von Merkels Plan für eine reibungslose Rückkehr ins öffentliche Leben. Hintergrund des Gesprächs ist ein Buch mit dem Titel „Also, was ist mein Land?“, erschienen 2021 im Aufbau Verlag. Es enthält drei von Merkels Reden: ihre Rede zum Tag der Deutschen Einheit 2021, ihre Rede vor der israelischen Knesset 2008 und Stellungnahmen zu ihrer Entscheidung 2015, Deutschlands Grenzen in der damaligen Flüchtlingssituation offen zu halten. Merkels Beteiligung an dem Buch geht auf Wunsch der ehemaligen DDR-Kanzlerin an die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Zeitgleich mit der Veröffentlichung des Buches kam Merkel die Idee eines theatralischen Gesprächs mit einem Journalisten.

Ihre eigene Vorstellung, Altkanzler zu sein

Dem Vernehmen nach will Merkel den Eindruck vermeiden, sich als Nebenkanzlerin oder Schattenkanzlerin zu fühlen. Sie wollte zeigen, wie man sich als Altkanzler verhalten kann, der im Gegensatz zu seinen Vorgängern Helmut Kohl (CDU) und Gerhard Schröder (SPD) nicht gewählt wurde und freiwillig aus dem Amt ausgeschieden ist. Merkel will diesen Angaben zufolge keine Aufsichtsratsmandate wie etwa Schröder bei russischen Gaskonzernen übernehmen. Gut möglich ist aber, dass es bald wieder zu neuen öffentlichen Auftritten in Gesprächen mit Journalisten und Interviews kommt. (dpa/mcf) © dpa