Wirtschaftlichkeit Als Ersatz für ein Atomkraftwerk?
Schwimmende Ölkraftwerke – das ist Habecks neue Idee zur Stromerzeugung
Stand: 06:16 Uhr | Lesezeit: 3 Minuten
“Atomkraft ist viel weniger relevant, wie dieser Stresstest gezeigt hat”
„Es ist zu umständlich, ein Kernkraftwerk in Reserve zu halten“, sagt Heinz Smithal. “Atomkraftwerken wird in diesem Winter der Kernbrennstoff ausgehen”, sagte der Atomexperte von Greenpeace. “Atomkraftwerke tragen jetzt sehr wenig, also kommt man ohne sie aus.”
Eines der drei deutschen Atomkraftwerke geht nicht einmal in die Reserve, sondern wird Ende des Jahres abgeschaltet. Um dies zu ermöglichen, setzt die Regierung nun auf Technologien, die vor allem von Entwicklungsländern genutzt werden – mit einer deutlich schlechteren CO₂-Bilanz.
Die Bundesregierung unternimmt ungewöhnliche Anstrengungen, um eine umstrittene Abschaltung der Kernenergie inmitten einer Energiekrise zu rechtfertigen. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) kündigte am Montag an, die beiden süddeutschen Atomkraftwerke Isar 2 und Neckarwestheim 2 bis April kommenden Jahres auf Standby zu stellen.
Beim niedersächsischen Kernkraftwerk Lingen muss allerdings der gesetzlich vorgeschriebene Abschalttermin Ende dieses Jahres bestehen bleiben. Einer der Gründe, warum das norddeutsche Atomkraftwerk nicht einmal in den Standby-Betrieb geht, stellte das Wirtschaftsministerium am Dienstag vor. Dies sorgt in der Energiebranche für einige Überraschungen.
Das Wirtschaftsministerium teilte am Dienstag mit, dass es derzeit keinen Ersatz für die tief im Landesinneren gelegenen Kernkraftwerke in Süddeutschland gebe, sie müssten also bis April 2023 in Bereitschaft bleiben. Es gebe eine “risikoärmere Alternative” zur norddeutschen Atomkraft Werk Lingen. So könnten hier kurzfristig „zusätzliche Ölkraftwerke in Form von Kraftwerksschiffen, sogenannten ‚Motorschiffen‘, zum Einsatz kommen“, erklärte eine Sprecherin von Bundeswirtschaftsminister Habek.
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Zum zweiten Mal in dieser Energiekrise setzt die Bundesregierung auf schwimmende Infrastruktur vor der norddeutschen Küste. Auch Schiffe, die als schwimmende LNG-Terminals fungieren, sollen dort bis zum Winter einsatzbereit sein. Die Vorstellung, dass schwimmende Ölkraftwerke nun auch für Deutschlands Atomstromabschaltung sorgen sollen, ist gelinde gesagt ungewöhnlich. Grundsätzlich handelt es sich aber um eine weltweit etablierte Power-Delivery-Technologie, sagte Tilman Tütken, Vice President Strategic Projects bei MAN Energy Solutions.
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Für das Leasing solcher „Power Barges“ gibt es einen weltweiten Markt mit einem Volumen von etwa zehn Gigawatt. Um ein Kernkraftwerk wie Lingen mit einer Leistung von etwa einem Gigawatt zu ersetzen, bräuchte man vermutlich zwei dieser schwimmenden Stromgeneratoren, von denen der größte eine Leistung von etwa 500 Megawatt hat. Über Betriebsentgelte, Kapitalzinsen und Treibstoffvertragskosten konnte Tütken keine Angaben machen.
Auf Schiffen wird Strom normalerweise mit Motoren erzeugt, die einen Wirkungsgrad von bis zu 50 Prozent erreichen können, sagte Tütken. Mittlerweile besteht vielfach die Möglichkeit, anstelle von Dieselkraftstoff und Heizöl Biokraftstoffe zu verbrennen. Auch eine elektrische Barge half, New York mit Strom zu versorgen, sagt der Experte von MAN Energy Solutions. „Normalerweise werden solche Schiffe aber in der Dritten Welt eingesetzt, wo das Geld für den Bau von Kraftwerken nicht ausreicht.
Dass sich der Einsatz solcher mit Flüssigbrennstoff betriebenen Kraftwerke lohnt, liegt auch an den hohen Strompreisen
Quelle: Karadeniz-Holding
Das bestätigt ein Blick auf die Homepage des Weltmarktführers für Motorschiffe Karadeniz aus der Türkei. Das Unternehmen behauptet, seit 2010 weltweit 25 Powerships in Ländern wie Kuba, Gambia, Ghana, Guinea-Bissau, Libanon, Sierra Leone, Sudan und Sambia gechartert zu haben. Künftig könnte auch Europas führende Industrienation Deutschland auf der Kundenliste des Unternehmens stehen.
Nach Angaben aus Regierungskreisen sollen die schwimmenden Kraftwerke nicht vom Staat selbst, sondern von Energieunternehmen verwaltet werden. Dass sich der Einsatz solcher Ölkraftwerke lohnt, liegt auch an den krisenbedingt hohen Strompreisen. Schiffe in Deutschland wären in der Vergangenheit nicht konkurrenzfähig gewesen. Aber Russlands Energiekrieg und Deutschlands Atomausstieg sorgen dafür, dass sich ähnliche Energieschiffe nun auch in diesem Land auszahlen. Die CO₂-Emissionen solcher Ölkraftwerke sind deutlich höher als die von Gas- oder gar Kernkraftwerken.
In Russland, wo die Energiekrise ausgelöst wurde, kamen übrigens bereits schwimmende Kraftwerke zum Einsatz. „Akademik Lomonosov“ versorgt die Hafenstadt Pevek seit 2020 mit Strom. In Lomonosov wird jedoch kein Öl verbrannt, es handelt sich um ein schwimmendes Kernkraftwerk.
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