Im Vergleich zur Erde ist die Venus ein feindlicher Planet – mit etwa dem 100-fachen Druck und einer Temperatur von etwa 450 Grad Celsius auf der Planetenoberfläche. Aber in der dichten Atmosphäre der Venus, in 50 bis 60 Kilometern Höhe, sind Temperatur und Druck ähnlich wie auf der Erdoberfläche. Daher spekulieren Astrobiologen seit langem, dass dort zumindest bakterielles Leben existieren könnte. Nun musste ein Forscherteam diese Hypothese jedoch widerlegen. Der Stoffwechsel solcher Mikroben wäre nicht mit der beobachteten Zusammensetzung der Venusatmosphäre vereinbar, so Wissenschaftler in der Zeitschrift Nature Communications.
„Wir haben zwei Jahre damit verbracht, die seltsame Chemie des Schwefels in den Wolken der Venus zu erklären“, sagte Paul Reamer von der University of Cambridge. Insbesondere der Überfluss an Schwefeldioxid in der Atmosphäre der Venus ist rätselhaft. Auf der Erde kommt das meiste Schwefeldioxid aus Vulkanen. Venus hat auch aktive Vulkane, die Schwefeldioxid in die Atmosphäre abgeben könnten. Allerdings ist der Anteil dieses Gases nur in der unteren Wolkenschicht hoch – darüber nimmt er schnell wieder ab. Laut Reamer und seinen Kollegen müssen einige Prozesse Schwefeldioxid verbrauchen.
„Das Leben ist ziemlich gut darin, seltsame Chemie zu erschaffen. Deshalb haben wir nach Möglichkeiten gesucht, die Beobachtungen mit Hilfe von Bakterien zu erklären“, erklärt Reamer. Idee der Forscher: Schwefeldioxid dient Bakterien in der gemäßigten Atmosphäre als Nahrung und Energie. Daher erstellten Wissenschaftler eine Liste möglicher Stoffwechselreaktionen auf der Basis von Schwefeldioxid, um zu sehen, ob dies die Verringerung des Gases erklären könnte. Und damit hatten sie zunächst Erfolg: Bakterien konnten den Anteil an Schwefeldioxid tatsächlich so reduzieren, dass er mit zunehmender Höhe abnimmt.
Doch der vermeintliche Erfolg hat einen Haken: Bei einem solchen Stoffwechsel entstehen immer Ausscheidungen – andere Moleküle, die in der Atmosphäre der Venus nicht vorhanden sind. Daher mussten die Forscher ihre Hypothese verwerfen. „Unsere Modelle zeigen, dass es nicht funktioniert“, sagte Rimmer-Kollege Sean Jordan. „Sie widersprechen allem, was wir über die Atmosphäre der Venus wissen.“
Damit bleibt das Rätsel des Schwefeldioxids in der Atmosphäre der Venus ungelöst. Jetzt wollen Forscher nicht-biologische Ansätze zur seltsamen Chemie in den Wolken des Planeten untersuchen. Sie hoffen, ihre Methode bald auch auf Planeten um andere Sterne anwenden zu können. Mit dem neuen James-Webb-Weltraumteleskop lassen sich dort beispielsweise Schwefelverbindungen nachweisen. “Dann können wir das, was wir von der Venus gelernt haben, auf Exoplaneten anwenden”, sagte Reamer.
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