Germany

Kriegsbedingte Versorgungsengpässe: Özdemir will mehr Getreide anbauen lassen

Stand: 08.06.2022 16:35

Eigentlich muss Deutschland ab 2023 weniger Getreide anbauen – wegen des Artenschutzes. Doch angesichts der Lieferengpässe will Landwirtschaftsminister Özdemir nun etwas ändern. Der Bauernverband begrüßt dies, will aber mehr.

Angesichts angespannter internationaler Agrarmärkte durch den Krieg in der Ukraine sollen Landwirte in Deutschland auf mehr Flächen als bisher geplant Getreide anbauen können. Nach einem Kompromissvorschlag von Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) sollen neue EU-Regelungen zu Flächenstillegung und Fruchtfolge im kommenden Jahr einmal ausgesetzt werden. Brüssel überließ die Umsetzung der Vorgaben den jeweiligen EU-Staaten.

Artenschutz gegen Ernährungssicherheit

Grund dafür sind die ab 2023 geltenden EU-Verordnungen, nach denen ein Teil der landwirtschaftlichen Nutzfläche für den Artenschutz genutzt werden muss. Außerdem soll es nicht mehr möglich sein, zwei Jahre hintereinander auf derselben Fläche dieselbe Feldfrucht anzubauen – um den Boden zu schonen.

Nach Angaben des Ministeriums wird die Flächenstilllegung erst im nächsten Jahr abgeschafft. Stattdessen solle der landwirtschaftliche Anbau weiterhin möglich sein, „aber – entsprechend den Zielen des Kommissionsvorschlags – auf die Lebensmittelproduktion beschränkt“.

Mais oder Sojabohnen sind von dem Plan nicht betroffen

Dies gilt für Getreide – kein Mais –, Sonnenblumen und Hülsenfrüchte – kein Soja. Außerdem gilt der Vorschlag nur für die Flächen, die in den Jahren 2021 und 2022 noch nicht als Ackerland ausgewiesen wurden. „So bleiben bestehende Biodiversitätsgebiete weiterhin geschützt und können ihre naturschutzfachlichen Leistungen und Arten sowie eine nachhaltige Landwirtschaft erbringen “, teilt das Ministerium mit.

Laut Yozdemir spielt der russische Präsident Wladimir Putin mit dem Hunger – und das auf Kosten der Ärmsten der Welt. Gleichzeitig ist der Hunger dort am größten, wo die Klimakrise bereits gravierende Folgen hat.

Daher muss meines Erachtens jede Maßnahme zur Lösung einer Krise genau geprüft werden, um sicherzustellen, dass sie nicht eine andere verschlimmert.

Der Bauernverband fordert eine weitere Verlängerung

Der Vorsitzende des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Ruckwid, begrüßte den Vorschlag grundsätzlich, kritisierte ihn aber auch: „Diese Entscheidung kam spät und in letzter Minute.“ Während Özdemir sagte, dass die Farmen bereits wissen, was sie in ein paar Wochen säen können, sagte Rukvid:

Wir Landwirte haben bereits mit der Planung des Anbaus im nächsten Jahr begonnen und brauchen Planungssicherheit.

Auch der Bauernverband kritisierte den aktuellen Zeitplan: Eine einjährige Sperre reiche aus Rukwieds Sicht nicht aus. Um weiterhin eine sichere Ernährung zu gewährleisten und in Krisenzeiten reagieren zu können, müssen alle landwirtschaftlich sinnvollen Flächen genutzt werden können. Die Bundesländer müssen dies nun schnell bestätigen.

Greenpeace sieht Ernährungssicherheit als Vorwand

Grundsätzliche Kritik an Özdemirs Plänen kam von der Umweltorganisation Greenpeace. Ihr Experte Matthias Lambrecht sagte, dass Biodiversitätsschutzgebiete zugunsten wirtschaftlicher Interessen geopfert werden. „Aber die Ernährungssicherung in Kriegszeiten ist nur ein Vorwand, um wertvolle Biotope zu unterpflügen“, sagte er. Der dort angebaute Weizen wird erst im nächsten Jahr und in zu geringen Mengen zur Verfügung stehen, um der akuten weltweiten Hungerkrise wirksam entgegenzuwirken. Durch das Verlassen des Biokraftstoffs kann die Getreidemenge sofort bereitgestellt werden. Environment Aid forderte außerdem, alle Subventionen für Agrotreibstoffe sofort einzustellen und Land für die Nahrungsmittelproduktion umzuwidmen.

Zustimmung für Özdemirs Vorschlag kam dagegen aus Baden-Württemberg und der FDP. Der baden-württembergische Landwirtschaftsminister Peter Hauck (CDU), der auch Sprecher der gewerkschaftlich geführten Landwirtschaftsressorts der Länder ist, lobte Özdemir für die endgültige Kapitulation. Ähnlich äußerte sich die stellvertretende Vorsitzende der FDP-Fraktion im Bundestag, Karina Konrad. Die Regelungen müssen nun schnell und rechtssicher umgesetzt werden, da die Aussaat unmittelbar bevorsteht.

Getreideanbau: Einstellung der Fruchtfolge und Flächenstillegung

Uwe Jahn, ARD Berlin, 06.08.2022 14:54 Uhr