Stand: 11.08.2022 08:13 Uhr
Die Deutschen müssen Energie sparen. Gleichzeitig werden die verlassenen Fußgängerzonen nachts hell erleuchtet, ebenfalls durch LED-Displays. Dagegen wächst der Widerstand.
Von Hans-Karl Schulze und Gregor Witt, WDR
Düsseldorfs CDU-Stadtrat Andreas Schröder will mit seiner Fraktion und den Grünen Lichtverschmutzung und Energieverschwendung in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt eindämmen. Dazu gehört für ihn auch Lichtwerbung, die nachts oft völlig menschenleere Orte unnötig erhellt. Allerdings ist die Düsseldorfer Initiative noch eine seltene Ausnahme.
Zwar nimmt der Lichtstrom Jahr für Jahr überall zu und verschwendet nicht nur Energie, sondern schadet auch Mensch und Natur. Ob an Bushaltestellen, in Fußgängerzonen oder am Straßenrand, bereits an vielen Stellen in der Düsseldorfer Innenstadt stehen Werbebanner und Werbemasten mit wechselnden Plakaten, die nachts hinterleuchtet werden und so zum Lichtfluss beitragen.
An zentraler Stelle werden sie immer häufiger durch digitale Billboards ersetzt – LED-Displays mit einer Größe von zwei bis neun Quadratmetern. Sie befinden sich an Bahnhöfen, Einkaufszentren, Flughäfen, aber auch an Kreuzungen, wo sie gegen Tageslicht ausgeleuchtet werden müssen. Laut einer Studie der Universität St. Gallen planten im vergangenen Jahr drei Viertel aller deutschen Städte, ihre gewerblichen Werbeflächen zu modernisieren oder zu digitalisieren.
Hoher Energieverbrauch in der digitalen Werbung
Wie hoch der Energieverbrauch der verschiedenen analogen und digitalen Leuchtdisplays ist, verraten die beiden Marktführer für Außenwerbung, die Firmen Ströer und Wall. Beim WDR seien allerdings interne Unterlagen der Firma Wall durchgesickert. Dies zeigt, dass ein großes LED-Werbedisplay mehr als 100-mal mehr Strom verbraucht als eine hinterleuchtete Werbetafel. Das entspricht dem Verbrauch von etwa zehn Single-Haushalten pro Jahr.
Basierend auf Daten des Verbandes für Außenwerbung, der den Energieverbrauch wichtiger Displaygrößen auflistet, und der Düsseldorfer Agentur Crossmedia, die die Anzahl digitaler Displays in Deutschland angibt, berechnet das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung RWI den Energieverbrauch digitaler Werbung für den WDR.
Das Institut schätzt, dass digitale Werbedisplays in Deutschland rund 113.000 Megawattstunden verbrauchen. Das entspricht dem Verbrauch von fast 40.000 Zwei-Personen-Haushalten, die 28 Windkraftanlagen betreiben müssen.
Gesundheitsrisiken durch Lichtverschmutzung
Das erscheint wenig im Vergleich zum Gesamtstromverbrauch Deutschlands, der laut Branchenverband BDEW im vergangenen Jahr bei rund 508 Milliarden Kilowattstunden lag. Doch für CDU-Stadtrat Andreas Schröder steht die Lichtwerbung noch auf dem Prüfstand, denn jede eingesparte Kilowattstunde zählt und Werbung ist nicht zwingend erforderlich.
Franz Hölker sieht das ähnlich, aber nicht nur wegen des Energieverbrauchs. Gemeinsam mit anderen Experten hat er die Auswirkungen der Lichtverschmutzung auf den Bundestag recherchiert. Das wichtigste Ergebnis: Beim Menschen wird der Schlaf-Wach-Rhythmus durch nächtliches Licht gestört und beeinflusst auch den Blutdruck und die Körpertemperatur.
Laut Experte Hölker kann dies zu Herz-Kreislauf-Problemen bis hin zu Depressionen führen. Zudem zeigen erste Studien, dass Lichtverschmutzung mit dem Auftreten verschiedener Krebsarten in Verbindung gebracht wird.
Insekten werden desorientiert
Doch die Schäden durch die zunehmende Lichtflut sind nicht nur für Menschen erheblich. Es hat auch erhebliche Auswirkungen auf die Umwelt. Insekten beispielsweise werden desorientiert und wie von einem Staubsauger von Lichtquellen im blauen Spektrum angezogen. Sie fliegen dann bis zur völligen Erschöpfung gegen die Lichtquellen und sterben.
Den Ökosystemen fehlen diese Insekten laut Hölker dann als Bestäuber und als Nahrungsquelle für Vögel, Amphibien und Fische, aber auch für andere Insekten wie Spinnen. Tiere können nicht mehr helfen, organisches Material abzubauen und diese Nährstoffe anderen Organismen zur Verfügung zu stellen.
Das Geschäft boomt
Die Marktführer für elektrische Außenwerbung, Ströer und Wall, sagen, dass der Energieverbrauch digitaler Werbedisplays durch Ökostromversorgung, optimales Dimmen und oft sogar nächtliches Abschalten reduziert oder neutralisiert wird. Aus kommunaler Sicht lieferten die Displays wichtige Informationen über die Stadt, sagt Kai-Marcus Tessler vom Verband Außenwerbung.
Auch der Düsseldorfer Stadtrat Andreas Schröder sieht diese Eigenschaft, vor allem aber werden auch Werbeanlagen so finanziert. Der Anteil digitaler Werbeflächen am Gesamtumsatz der Außenwerbung ist in den vergangenen vier Jahren von 24 auf 36 Prozent gewachsen. Das geht aus Daten der Nielsen Company Deutschland hervor.
Und aus der Werbebranche wird ein weiterer Anstieg erwartet. Verständlich, denn das Geschäft boomt – und weil digitale Displays weit mehr Kunden erreichen als klassische Außenwerbung.
Welche Möglichkeiten haben Städte?
Der CDU-Mann Schröder will digitale Systeme nicht ganz verbieten. Aber er möchte die Zeit, in der die Banner beleuchtet werden können, und die Intensität der Beleuchtung begrenzen. Auch Werbung sollte nachts immer abgeschaltet werden.
Dies sind nur einige Punkte auf einer langen Liste von Möglichkeiten, den Schaden zu reduzieren, der durch leuchtende Werbung verursacht wird. Städte haben gute rechtliche Möglichkeiten, Werbung im öffentlichen Raum einzuschränken, sagt…
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