Seismologischer Ausschlag – offenbar bringen Konzertbesucher in Berlin die Erde zum Beben
Bild: erdbebennews.de
Anwohner im Südosten Berlins meldeten in der Nacht zum Freitag ein kurzes, starkes Beben. Erdbeben? Nein, sagt ein Experte. Doch tatsächlich bebte die Erde, offenbar verursacht durch ein Konzert auf dem Tempelhofer Feld.
“Nicht lustig. Meine Wohnung schwankte, die Stehlampe schwankte auch“, berichtete eine Berlinerin aus Neukölln am Freitagabend rbb | 24 von ihren Erlebnissen. Ihre erste alarmierende Annahme war ein Erdbeben.
Offenbar ist sie nicht die Einzige, die an diesem Abend ein Zittern in ihrer Wohnung verspürte: Datenanalyst Jens Skapski verzeichnete an diesem Abend auf seinem Portal „erdbebennews.de“ zahlreiche Besuche von Menschen aus Berlin-Neukölln. „Normalerweise haben wir in Berlin keine Erdbeben. Deshalb wollte ich mehr darüber wissen“, sagt Skapksi auf Nachfrage. Am Samstag stellt er die Ergebnisse seiner Recherche auf Twitter vor.
1,4 auf der lokalen Größenskala – für eine Minute
Tatsächlich registrierten laut Scapxi um genau 20.58 Uhr drei private seismologische Stationen in der Nähe des Tempelhofer Feldes eine überdurchschnittliche Abweichung von 1,4 auf der lokalen Magnitudenskala. “Es ist das Äquivalent eines kleinen Erdbebens”, sagte sie. Ein Erdbeben schloss Scapxi jedoch aus: “Ein natürliches Erdbeben wäre kürzer und häufiger.” Nach seinen Schätzungen dauerte das Schütteln eine Minute. Das deckt sich mit den Schilderungen der Neuköllnerin: „Ich hatte 30 bis 60 Sekunden lang das Gefühl von Schwindel“, schrieb sie.
„Die Signale gehen wahrscheinlich auf ein Konzert zurück“, sagte Skapski. Diese Vermutung kommt nicht von ungefähr: An diesem Wochenende findet erstmals das Rockfestival „Tempelhof Sounds“ auf der Strecke vor dem Gebäude des ehemaligen Flughafens Tempelhofer Feld statt. Im Schockmoment auf der Bühne: die englische Rockband Florence & the Machine.
Florence & the Machine – haben ihre Fans in Berlin den Boden erschüttert? Bild: dpa / Britta Pedersen
„Das hatten wir noch nie bei einer Open-Air-Veranstaltung mit 60.000 Zuschauern.“
Ein User, der damals offenbar auf dem Konzert war, schrieb auf Twitter: „Es gab eine Zeit bei Florence & the Machine gegen 21 Uhr, als viele Leute gleichzeitig sprangen. Sie können auch die Vibrationen an Ort und Stelle spüren.
Experte Jens Scapxi hält diese Herkunft für plausibel. „Bei natürlichen Erdbeben mit solcher Wucht spürt man nichts. Dazwischen liegen mehrere Kilometer Gestein. Hier liegt die Quelle direkt auf der Erdoberfläche. Man spürt sie direkt. Auch Erschütterungen von Häusern sind möglich.“
Eine Facebook-Nutzerin, die sich selbst als ehemalige Tourmanagerin bezeichnet, war von Skapksi-Ergebnissen überrascht: „Das hatten wir noch nie, selbst bei einem Outdoor-Event mit 60.000 Besuchern.“
Das hat laut Skapski weniger mit der Masse als vielmehr mit dem Underground zu tun. Ein geeigneter Boden kann die Energie der springenden Menge problemlos aufnehmen und weiterleiten. Seiner Meinung nach könnte dies der Grund dafür sein, dass das Beben zwei Kilometer entfernt zu spüren war.
Es wird nicht das erste Mal sein, dass die Erde infolge eines Konzerts bebt: 2017 gingen während eines Auftritts des Kraftklubs in Chemnitz in Leipzig dutzende Anrufe besorgter Anwohner bei der Feuerwehr wegen eines möglichen Erdbebens ein [mdr.de]. Zumindest für einen anderen Facebook-Nutzer sieht das Phänomen auch in Berlin nicht neu aus: „Ich kenne diese Vibes bei Konzerten, seit ich noch auf dem Tempelhofer Feld wohne.“
Sendung: Radioeins, 11. Juni 2022, 16:00 Uhr
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