23. Juni 2022
Lingerie findet sich auf der Bühne wieder, Austin Butler übertrifft das Vorbild fast, zittert, erotisiert Elvis Presley. © Warner Bros.
Der verstorbene Elvis singt bei einer Gala, die Scheinwerfer lassen Schweiß auf dem Gesicht des erschöpften Helden glitzern. Schnelle Schnitte, gefährlich glänzende Spritzen, Zeitungsschlagzeilen: Colonel Parker schuld an Elvis’ Tod? Parker selbst spricht von außen, ein unschuldiges Lamm.
Rückblickend auf die 1950er-Jahre erlernte Parker sein schmieriges Handwerk im Jahrmarkttrubel: „Das ist gut, Mama.“ Der Sänger singt wie ein Schwarzer: „Aber er ist weiß!“ Parker hat seine Goldmine gefunden.
Tom Hanks spielt den berüchtigten Elvis-Manager, die Maske hat einen tollen Job gemacht und natürlich spielt Hanks großartig. Parker ist eine Schattenfigur und der sogenannte unzuverlässige Erzähler, der Regisseur Baz Luhrmann einige Freiheiten lässt. Elvis im intimen Gespräch mit seiner Frau Priscilla, als „Tölpel“ seiner Mutter in einem zärtlichen Streit mit ihr. “Wirklich”? Was ist an einem Mythos wahr?
Die beispiellose Hysterie, die der aufstrebende Rock’n’Roll-Star Elvis Presley auslöste, ist wahr. In diesen Szenen – und der Regisseur freut sich auch über üppige Bilder – ist Luhrmanns Filmbiografie „Elvis“ am stärksten, ja sensationell. Die Geschichte des zunächst schüchternen Jungen, der gegen das Bühnenfieber Pepsi trinkt (und später zu stärkeren Drogen greift). Die Show, die Elvis macht, ist elektrisierend. Es singt nicht nur, es vibriert, es vibriert, es ist pure Energie. Austin Butler als Elvis übertrifft das Vorbild fast, Hüftschwingen bringt die Mädchen zum Schreien, die Kamera zielt direkt auf Elvis’ Beckenbereich. Bewahrte sexuelle Energie, Schreie nach Befreiung in Präsident Eisenhowers lähmender Mittelklasse Amerika.
Der böse Elvis
Luhrmann hält die Trägheit, diese aufgeladene Spannung, eine gute Stunde lang aufrecht. Er stilisiert Elvis zur Ikone des zivilen (in den Augen der Gegner: unzivilisierten) Ungehorsams und legt eindrücklich offen, wie der vermeintlich obszöne Elvis mit seinen Bühnenshows die Obszönität der Rassentrennung untergräbt. Nach der Rock’n’Roll-Explosion beantwortete Lurman weitere Stationen seines Lebens gehorsamer. Militärdienst in Deutschland, Priscilla und Tochter Lisa Marie, Hollywood, kehren als Rock ‘n’ Roll in schwarzer Lederkleidung zurück. Mit dem ausführlichen Kapitel zu Las Vegas ist Elvis wieder in Topform.
Lurmans Elvis erinnert an eine andere Figur in seinem Filmwerk, das Jenseits Jay Gatsby, Leonardo DiCaprio in The Great Gatsby 2013. Lurmans Elvis ist ein Mythos, der im Film manchmal für Momente menschlich greifbar erscheinen kann, dann aber gleich wieder verschwindet. Der Todesnachricht von Elvis im Jahr 1977 folgte eine Szene mit Elvis am Klavier. Dem Tod nahe und ein geschwollenes Gesicht, das Gänsehaut verursacht “Unchained Melody”. Der 156-minütige Film ist keine Offenbarung über Elvis, sondern ein charmantes Liebesgeständnis an den Gott des Rock’n’Roll.
Von Christian Pichler
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