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Robbie Williams in München 2022: Aufregend und peinlich

Kein Regen und Helene Fischer, aber mit Überraschungen und Übelkeit: Die Wiederbelebung der Künstlerin vor rund 100.000 Zuschauern war den Umständen entsprechend ein Erfolg.

Dies ist ein doppelter Stresstest. Erstens, wie wäre es heute mit dem legendären Showtalent Robbie Williams? Andererseits: Zeigt es wenigstens, dass man mit der riesigen Arena auf dem Münchner Messegelände wirklich Atmosphäre schaffen kann? Schlüsselfrage: Hilft das Wetter?

Niemand wird diese Nacht vergessen. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere der wohl beste Entertainer seiner Generation, hat er immer noch die größten Zuschauermassen um den kleinen Finger gewickelt. Eine Supershow in München, in der endlose Selbstzweifel in hymnischen Narzissmus umschlagen, begann mit dem kopfüber hängenden Star auf der Bühne zum Programmhit „Let Me Entertain You“…

Robbie Williams übergibt sich in München auf der Bühne

So war es vor 19 Jahren, als Robbie Williams in einem restlos ausverkauften Olympiastadion vor Tausenden und Abertausenden von Menschen stand, die er derweil in völliger Stille in der vor Begeisterung vibrierenden Arena einfach durch hallende Ovationen mitbrachte . Also, wenn wirklich mehr Leute an diesem Samstagabend in der für diesen Sommer gebauten Riesen-Arena sind, für Andreas Gabalier, Helene Fischer und ihn selbst, wenn das hier wirklich das größte Konzert des 48-Jährigen und immer noch größten Künstlers ist. Robbie sprach vor 100.000 Zuschauern – und natürlich ist es nicht fair, ihn heute an diesem großen Moment von damals zu messen. Aber in direktem Zusammenhang damit, gerade an diesem Abend, der darum als große Erweckung erscheint, wird er immer wieder darauf gestellt.

Robbie Williams kündigt selbstbetitelten Film für 2023 an – und noch ein Gig?

Nicht zuletzt, weil er jetzt wieder – wie es seitdem auf Tour nicht mehr vorgekommen ist – mit seinem superlaunigen Hit auf die Bühne tritt, diesmal aber nur hintritt, nicht hineinfliegt, nachdem die Publikumsanimation zuvor das Publikum fragend herbeigerufen hat daneben auf den Bildschirmen. Von (natürlich alles auf Englisch) „Ist jemand da draußen?“ bis „Am I still your son?“ (in Erwartung seines bald erscheinenden bekanntesten Songs) – und es folgten massive Ja-Antworten von: „Let Me Entertain You! „Aber was bleibt eigentlich von dem Künstler, der nach zweijähriger Covid-bedingter Verzögerung auch in unserem Land sein 25-jähriges Jubiläum als Solokünstler feiert?

Doch bevor wir zum Revival Rain Vergleich kommen, werfen wir zunächst einen Blick auf die Neuheiten. Und nein, darüber wurde vorher nicht gesprochen. Helene Fischer kam auch nicht mit auf die Bühne, um das gemeinsame Duett zu singen, das auf seinem unglücklichen Weihnachtsalbum zu sehen war. Robbie spielte immer noch mit der Vorband Lufthaus, einem britischen DJ-Duo, für das er ein paar Vocals sang, aber als Teil ihres rauflustigen Party-Acts hätte aussteigen können … Nein, Robbie gibt heute Abend mit “Better” seine beste Gesangsrichtung auf Man”, ein gleichnamiger Film, der nächstes Jahr von ihm, mit ihm und über ihn gezeigt wird. Und planen vielleicht 2023 ein weiteres Konzert in München.

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Das Wetter war perfekt für das Konzert von Robbie Williams auf dem Münchner Messegelände

Er spiele, versichert er, zum letzten Mal den Evergreen „Sweet Caroline“, den er immer mit seinem inzwischen an Parkinson erkrankten Vater gesungen habe, grüße die Fans, danke für all die Jahre, aber jetzt gehe er fast nie mehr weg das Haus. Robbie spielt mit „Lost“ auch einen neuen Track, der, wie er zugibt, auch gut in die damalige Selbstzweifel-Agenda passen würde und der auf jeden Fall auf das Jubiläumsalbum gehört, das nächsten Freitag erscheint, das sonst so ziemlich die besten, die größten Hits, eben sind mit Orchester neu arrangiert. Aber das ließ er für heute Abend zu Hause in dieser riesigen Arena, der 150 Meter breiten monströsen Bühne, die das, was Robbies Band und Sänger kraftvoll und in maximaler Lautstärke ablieferten, in den Münchner Abendhimmel brüllte.

Was übrigens an sich schon eine große Überraschung darstellt: Schlechtwetter war angesagt, vergleichbar mit dem Regentag im Helene Fischer eine Woche zuvor – stattdessen blieb alles trocken, nur bis die „Engel“ am Ende genau zwei -Stunden-Programm fallen ihnen die ersten Tropfen auf. Der gutaussehende Robbie, der mit „Monsoon“ als zweitem Song sein Glück zu versuchen schien und Regen- und Blitzschauer auf den riesigen Monitoren, während am Horizont blitzschnelle Gewitter aufzogen: Er war wieder der Glückspilz. Am Ende des Konzerts lief es jedoch nicht nach seinem Willen. In den Zugaben erklärte er, wie kaum ein anderer Sänger es zugeben würde, offen, dass er sich gerade hinter den Drums übergeben hatte und ihm irgendwie übel war – nicht ohne sich bei einer Barbara in der ersten Reihe zu entschuldigen, an die sich diesmal wandte zeigte sein “She’s the One”, schaffte es aber aufgrund der Übelkeit nur zur Hälfte. Liegt es daran, dass er jetzt zu viele Pfefferminzbonbons lutscht, anstatt zu rauchen?

Sprecher Robbie Williams mit einer Flut von Selbstzitaten

Diesmal ist es zumindest Barbara, diesmal bittet er für „Something Stupid“ Lisa auf die Bühne, für „Road to Manderlay“ fordert er das Publikum auf, es noch einmal mit dem Bambam zu versuchen und inbrünstig zu singen, dann schießt er dann wieder mit Andenken ins Publikum Luft eine Waffe. Er stellt sich noch einmal vor mit: „My name is Robbie Williams, this is my band“ (Guy Chambers, der seine Legend-Tage prägte, gehört auch als musikalischer Leiter dazu) – „and this is my ass“, natürlich hinten Ende der Präsentation wieder. Er spricht wieder darüber, was ihn zum „verkorksten Mann“ macht, diese Schizophrenie zwischen Selbstzweifel und Narzissmus, und bedankt sich vor allem immer wieder, dass ihm die Deutschen hier nach all den Jahren immer noch so treu sind. Erneut fragend, ob ihr zusammen alt werden wollt, versichert er dem Publikum weiterhin seine Liebe. Und Robbie zerstreut ironischerweise intime Momente, die gerade entstanden sind, mit großem Vergnügen…

Es sind Gesten und Witze, die eigentlich reine Selbstzitate sind – und vor allem, wenn es um seine Befindlichkeit geht, kann man sich fragen, ob diese ständige Bestätigung der einstigen Muster, der eigenen Dunkelheit die großen Triumphe zu entlocken, gar nicht so ist gesunde Rolle, dass er als Familienvater weiterhin ein Popstar bleiben sollte. Oder ob es nur Robbie ist und es sein soll? Hört euch „Am I Still Your Son?“ an. Für den fünften Track spielt er das herrlich abgrundtiefe „Come Undone“, woher die Zeile kommt und das ihn sowohl als Heiligen als auch als Hure offenbart. Wie lange hält man so etwas aus? Kannst du das einfach spielen?

So oder so brachte Robbie Williams die Menge mit all seinen Hits von den 300 Meter entfernten Tribünen mit den ersten Songs in Schwung – in der zweiten Hälfte folgte dann mit ‘Millennium’, ‘Hot Fudge’, ‘Kids’, ‘Feel’ und “Rock-DJ”. Zwar zündet dieser riesige Messebereich einfach nicht, was für ihn im Olympiastadion immer zuverlässig funktioniert hat: Dass La Ola, die Begeisterungswelle, schon vor seinem Auftritt auf den Rängen steigt und dann breitet sich über das ganze Oval aus – hier verblasst es wie ein Strohfeuer an der Peripherie. Und Robbie ist der Letzte, der die Probleme an einem solchen Ort nicht mit seinem Unterhaltungsinstinkt verstehen und verarbeiten würde und sagt: „Ihr Jungs hinten solltet eine ganz andere Show sehen, wahrscheinlich Coldplay. Du wirst es nicht einmal bemerken, wenn ich meinen Penis die ganze Show aus meiner Hose hängen lasse. Sind die Leinwände wirklich groß genug für dich?“ Das Defizit, zu diffus zu sein, kann es aber nicht ganz wettmachen, zumal die Szene in dem glorreich verzweifelten Supreme verwendet wurde, was kurioserweise auf seiner sehr feinen gefolgt von der beruht Glückstreffer „I Love My Life“, der immer so laut dröhnt, dass sein Gesang zumindest etwas angestrengt wirkt.

Robbie-Konzert in München: Und der letzte Akzent verdirbt den Stadionsprecher…

So bleiben an diesem Abend im Jahr 2022, 19 Jahre später, durchaus gemischte Gefühle. Aber auf welcher Ebene! Denn dieser Robbie Williams hat nicht nur das ganze große Pop-Hymnen-Material der damaligen Zeit (das er hier keineswegs erschöpft hat) – er ist einem Großteil des Publikums in einer solchen Arena auch in gewisser Weise präsent, trotz der unvermeidlichen Distanz , im Vergleich zu Andreas Gabalier und Helene Fischer, charakterisieren den Künstler: Er wirkt verspielt, selbstbewusst, ungekünstelt, natürlich wie er selbst.

Und trotz seiner Unbeholfenheit lieferte er ganz zum Schluss auch noch die schönste Pointe ab. Noch einmal bittet er die Menschen, den Refrain des Liedes zu singen, das seinen Solo-Erfolg beschert hat, damit vielleicht 100.000 Zuschauer “Angels” acapella singen und auf all den riesigen Monitoren zum ersten Mal sehen: sich selbst, ihre eigene glückselige Menge im schwindelerregenden Moment – wie sich der Star des Abends im sanften Regen und leise, fast unbemerkt, aber wohl berührt von der Bühne stiehlt. Sehr hübsch. Erst dann, inmitten dieser verblassenden Seelenfülle, brüllt der unscheinbare Bühnensprecher ins Mikrofon, es sei doch toll gewesen, und fordert die Leute heraus…