Stand: 22.08.2022 07:59 Uhr
Seit Russlands Krieg gegen die Ukraine gewinnt Kanada als Energiepartner Deutschlands zunehmend an Bedeutung. Bundeskanzler Scholz will eine deutliche Ausweitung der Zusammenarbeit. Er ist seit drei Tagen mit seinem Stellvertreter dort.
Von Martin Ganslmeier, ARD-Hauptstadtstudio
Wenn ein Bundeskanzler in der Vergangenheit nach Kanada reiste, war dies fast immer mit einer Reise in die USA verbunden. Olaf Scholz fliegt diesmal ausschließlich nach Kanada. Er besuchte Montreal, Toronto und Stephenville in Neufundland, drei kanadische Städte und Provinzen. Auch Vizekanzler Robert Habek und eine 30-köpfige Wirtschaftsdelegation brachte er in seinem Regierungsflugzeug mit.
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Der ungewöhnliche hochkarätige Besuch sei Ausdruck der “Intensivierung der Beziehungen” und auch eine Folge der Zäsur seit dem russischen Angriff auf die Ukraine, so das Kanzleramt. Seitdem sind sich die Verbündeten noch einig geworden. Regierungssprecher Steffen Hebstreit betonte, dass sich die Bundesregierung Kanada und insbesondere der linksliberalen Regierung von Justin Trudeau besonders eng verbunden fühle.
Die beiden Länder arbeiteten eng zusammen, insbesondere bei der gemeinsamen Reaktion auf den völkerrechtswidrigen Angriff Russlands auf die Ukraine. Dies gilt auch für die Zusammenarbeit in der Industrie- und Energiewende. Als Wertschöpfungspartner ist Kanada unser bevorzugter Partner beim Aufbau von Wertschöpfungsketten für diese Kernaufgaben.
Es geht also nicht nur um den Krieg in der Ukraine und die Beziehungen zu Russland, sondern auch um den Ausbau der Energiepartnerschaft mit Kanada. Deutschland ist an umweltfreundlichem Wasserstoff und Flüssiggas interessiert. Kanada kann ein wichtiger Partner für beide Energieträger sein: nicht kurzfristig, aber in einigen Jahren.
Ausbau der Energiepartnerschaft
In Stephenville, Neufundland, sollen Scholz und Trudeau am Dienstag einen Vertrag über grünen Wasserstoff unterzeichnen. Neufundland hat ein enormes Windenergiepotenzial. Kanadisches Flüssigerdgas kann auch dazu beitragen, uns unabhängig von russischem Gas zu machen.
Allerdings gibt es an Kanadas Ostküste noch kein LNG-Terminal, sodass Scholz und Habeck auch als „Gaskäufer“ keinen schnellen Erfolg nach Kanada bringen werden. Zumal es immer noch viele Proteste von Umweltverbänden und der lokalen Bevölkerung gegen den Ausbau der Erdgasförderung gebe, sagt Konstantin Zerger von der Deutschen Umwelthilfe.
„Wir sind sehr besorgt, dass Herr Scholz den Aufrufen aus Kanada – zumindest der kanadischen Gas- und Ölindustrie – folgen und dazu beitragen wird, dass es eine weitere Gasförderung in Kanada gibt.“ Dies hätte dramatische Folgen für die Beziehung zu Zerger Klimapolitik, Menschenrechte und die Rechte indigener Völker.
Andererseits begrüßen Umweltverbände die deutsch-kanadische Zusammenarbeit beim Ausbau erneuerbarer Energien. Und der Kanzler und sein Stellvertreter haben in Kanada noch eine wichtige Aufgabe: ein großes Dankeschön an Justin Trudeau. Dass er trotz Sanktionen gegen Russland den Premierminister dazu gebracht hat, die Gasturbine aus dem Siemens-Energy-Werk in Montreal nach Deutschland zu verlegen.
Scholz lobt Trudeau
In Kanada erntete Trudeau einen Sturm der Empörung. Scholz hingegen lobte: Trudeau habe geholfen, Putins Bluff aufzudecken. „Und um das deutlich zu machen, hat die kanadische Regierung einen wirklich großen und weitreichenden Beitrag geleistet.“ Ich bin sehr dankbar. Das war echte Führung, die Premierminister Trudeau dort gezeigt hat.“
Nach einer für Scholz sehr schwierigen Woche darf sich die Kanzlerin auf einen Besuch bei echten Freunden freuen. Es stimmt, dass die Gasturbine noch nicht in Russland steht. Aber Putins Versuch, Deutschland und Kanada zu spalten, scheiterte. Und Putin hat keine Ausrede mehr, nicht mehr Erdgas durch Nord Stream fließen zu lassen.
Besuch bei Freunden – Kanzler und Vize in Kanada
Martin Ganslmeier, ARD Berlin, 22. August 2022 um 6:31 Uhr
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