Den Rest des Jahres lebt die Menschheit auf Pump. Die Umweltorganisation Global Footprint Network, die diesen sogenannten Earth Overshoot Day seit 50 Jahren berechnet, berichtet, dass die natürlichen Ressourcen der Erde für das laufende Jahr bereits am 28. Juli aufgebraucht sind.
Gemeint ist der Zeitpunkt, ab dem die Weltbevölkerung mehr Rohstoffe verbraucht, als sie im Laufe eines Jahres nachwachsen und regenerieren kann. Und das im Jahr 2022, früher als je zuvor. Zum Vergleich: Um die Jahrtausendwende lag der Tag der Erde noch im September, in den 1970er Jahren im Dezember.
Umweltverbände und Wirtschaftsverbände sprechen von einer dramatischen und meist besorgniserregenden Entwicklung. Weil das Leben jetzt auf Kosten zukünftiger Generationen gelebt wird.
Quelle: Dimitris66/Getty Images; Infografik WELT
„Das ist eine ökologische Bankrotterklärung der Menschheit“, kommentierte beispielsweise Florian Tietze, Experte für Biodiversitätspolitik bei der Umweltorganisation WWF. „Regenwälder, Flüsse und Korallenriffe fallen unserem Konsum zum Opfer. Wir verschwenden und zerstören unsere Lebensgrundlagen und ruinieren die Zukunft unserer Kinder und Enkel – überall auf der Welt und direkt vor unserer Haustür.“
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Olaf Band, Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), findet ähnlich klare Worte: „Heiße Sommer und Überschwemmungen, brennende Wälder in Deutschland, Südeuropa und Kalifornien: Das Klima ist umgekippt, die Warnlichter des Planeten leuchten dunkel rot. Wir müssen die dramatischen Folgen der Klimakrise und des weltweiten Artensterbens umgehend begrenzen. Wir alle zahlen die Rechnung für vermeintliche Freiheiten, ohne aufzugeben. Vor allem aber leben wir auf Kosten unserer Kinder und Enkel.”
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Rein rechnerisch verbraucht die Weltbevölkerung heute die Ressourcen von 1,75 Erden, wie das Global Footprint Network zeigt, das Daten aus den National Footprint and Biocapacity Accounts und damit UN-Zahlen für die Berechnung heranzieht. Es ist vor allem die Lebensweise in den reichen Industrienationen, die ins Konto geht: Gemessen am deutschen Verbrauch beispielsweise käme es auf 3,1 Deutschland.
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Deshalb war hierzulande bereits Anfang Mai der nationale Tag der Überlastung. Hauptgründe für diesen frühen Termin sind laut Experten der hohe Energieverbrauch Deutschlands, hohe CO₂-Emissionen aus Verkehr und Massentierhaltung sowie Boden-, Luft- und Grundwasserverschmutzung.
Aber auch andere Länder leben weit über ihre Verhältnisse. Beispielsweise beträgt der Wert für die USA 2,4, für Indien 2,7, für China 4,1 und für Japan sogar 7,9. Diese Bilanz basiert zum Beispiel auf dem Verbrauch von Holz, Pflanzen, Tierfutter und Fischgründen, aber auch auf CO₂-Emissionen und Landverbrauch.
Dass Deutschland bei der Flächenverjüngungsbilanz schlechter dasteht als die meisten anderen Länder, liegt an dem relativ hohen Anteil der Industrie an der heimischen Wirtschaft. Die Industrie trägt hierzulande mit rund 30 Prozent zur Wertschöpfung bei, deutlich mehr als in anderen westlichen Volkswirtschaften wie Frankreich oder den USA.
Quelle: Enis Aksoy/Dimitris66/Getty Images; Infografik WELT
Der wichtigste Lösungsvorschlag zur Begrenzung des Ressourcenverbrauchs ist laut Experten die Circular Economy. Ziel ist ein geschlossener Stoffkreislauf, um Ressourcen nicht nur effizient zu nutzen, sondern auch die Entstehung von Abfällen zu minimieren und im Idealfall sogar zu vermeiden.
„Wir müssen Ressourcen nicht verbrauchen, wir müssen sie nutzen“, sagt Peter Kurt, Präsident des Bundesverbandes Abfallwirtschaft, Wasserwirtschaft und Kreislaufwirtschaft (BDE), im Gespräch mit WELT.
Das sieht Christoph Heinrich, Geschäftsführer des WWF Deutschland, so. Er forderte die Bundesregierung auf, die Energiewende trotz der neuen Herausforderungen durch den Krieg in der Ukraine unverzüglich voranzutreiben. „Als Antwort auf die Rohstoffknappheit muss auch Deutschland eine effiziente Kreislaufwirtschaft entwickeln“, sagt Heinrich.
Verbesserungspotenzial beim Recycling
Das fehlt noch. Die Bundesrepublik versteht sich gern als Weltmeister im Recycling. „In Wirklichkeit gibt es aber noch viel Luft nach oben“, sagt BDE-Chef Kurt. Ohnehin stammen derzeit nur zwölf Prozent der hierzulande eingesetzten Rohstoffe aus einem Recyclingprozess.
„Diese Quote ist gar nicht so schlecht, wie sie auf den ersten Blick klingt. Mit einfachen Mitteln könnten sie aber doppelt so hoch sein.“ Theoretisch könnten rund 60 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente eingespart werden – allein in Deutschland. Und selbst dann ist mit dem richtigen politischen Willen noch mehr möglich.
„Die Kreislaufwirtschaft ist der zentrale Hebel, um die Klimaziele zu erreichen und gleichzeitig den Produktionsstandort Deutschland zu erhalten“, sagt Kurt. Es stimmt, dass die Kreislaufwirtschaft allein das Problem der Bodenverschmutzung nicht lösen kann. „Aber es kann einen nachhaltigen Beitrag zur dringend notwendigen Entlastung unseres Planeten leisten.“
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Geschwindigkeit zählt, warnt Kurt. „Es reicht nicht aus, im immer früher werdenden Tag der Erdüberlastung auf drohende Katastrophen hinzuweisen. Jetzt ist es an der Zeit zu handeln. Alle Akteure aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sind eingeladen, sich einzubringen.“
Das fordert auch BUND-Chef Bandt. „Die Art und Weise, wie wir leben und wirtschaften, muss sich grundlegend ändern.“ Und die Zeit dafür drängt.
Die Koronawelle hat dem Planeten kurz Luft verschafft. Im Jahr 2020 war der Tag der Überlastung jedenfalls erst am 22. August, also gut drei Wochen später, wegen der deutlichen Abschwächung der globalen Wirtschaftsleistung durch die Pandemie. 2021 sprang der Termin jedoch auf den 29. Juli – und in diesem Jahr wird er einen Tag früher sein.
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„Die Bundesregierung muss jetzt klare gesetzliche Vorgaben auf den Weg bringen, die die Grenzen des Planeten berücksichtigen: für Ressourcenschonung, Energieeffizienz und Bodenschutz“, und die Rohstoffstrategie muss endlich verbindlich abgestimmt werden.
Aber das gilt auch für andere Länder. Ansonsten sieht der BUND ernsthafte Konflikte gegen die Menschlichkeit bevor. „Unser Planet wird noch lange nicht alle versorgen können“, erklärt Derian Boer, Bundesvorstandsmitglied der BUNDjugend.
„Verteilungskonflikte und sogar Kriege werden unvermeidlich.“ Neben Politik und Wirtschaft könne auch jeder Einzelne dazu beitragen, die Landverknappung zu entschärfen und so solche Szenarien zu verhindern, sagen Experten.
Allein durch die Halbierung von Lebensmittelabfällen könnte der Tag der Überwindung der Erde um 13 Tage verschoben werden. Andere Ansätze für Verbraucher sind weniger Autofahren, geringerer Energie- und Wasserverbrauch, nachhaltiges Reisen und die Reduzierung des Konsums tierischer Produkte.
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