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Tirol wählt: Wellen schlagen Wellen bis nach Wien

Die ersten von 789 Abschnitten öffnen um 6 Uhr, die letzten schließen um 17 Uhr, kurz darauf erfolgt die erste Hochrechnung. Neben den bisher dort vertretenen Parteien ÖVP, SPÖ, FPÖ, Grüne, List Fritz und NEOS bewarb sich auch die MFG um die 36 Sitze im Landtag. Auch KPÖ trat in zwei Bezirken an, Join List in einem Bezirk.

Die Augen richten sich vor allem auf die ÖVP Tirol, deren Situation laut Staatssekretär Florian Turski (ÖVP), der aus Tirol stammt, “früher besser war”, da Umfragen der Volkspartei einen deutlichen Einbruch voraussagen. Bei der Landtagswahl 2018 lag er zwar noch bei über 44 Prozent, doch der Gouverneurssitz könnte theoretisch wackeln.

Kein Gegenwind, nur eine Last

Spitzenkandidat Anton Mattel (ÖVP) kann wie sein Vorgänger Günther Platter nicht auf die Unterstützung eines starken ÖVP-Kanzlers in Wien zählen, weil er selbst derzeit an vielen Fronten kämpft. Im Wahlkampf wechselte Mattel zwischen bundes- und bundesstaatlichen politischen Anliegen, von der Sonderdividende der TIWAG bis hin zu Russland-Sanktionen und deren Umgehung durch ein plötzliches Bekenntnis zur legalen Kinderbetreuung – alles mit höchster Priorität, obwohl Mattel nicht Gouverneur des Bundesstaates ist.

Höhepunkt war wohl die Diskussion um den Klimabonus für Asylsuchende, die schließlich mit dem Rücktritt von ÖVP-Generalsekretärin Laura Zachslener endete. Auch das Thema Subventionen für Tiroler Junglandwirte im Korruptionsermittlungsausschuss der ÖVP in Wien machte mitten im Wahlkampf kein dünnes Bein.

ORF.at/Christian Öser Die Tiroler ÖVP startet die Wahlmaschine. Jede Ecke wurde mobilisiert.

Zauberwort „Wartespiel“

Sinkt Mattels Landespartei unter 30 Prozent, wie die ÖVP befürchtet, könnte es für ihn als Landesparteichef eng werden. Er selbst hat sich kürzlich das Ziel “34 Prozent und mehr” gesetzt – um es zu erreichen, wurde überall mobilisiert.

Die Wahlen im ORF

Der ORF hat ausführlich über die Wahl berichtet. Tirol.ORF.at begleitet den Tag mit einem Liveticker. Auf ORF2 berichten mehrere Ausgaben des ZIB Spezial ab 15.30 Uhr über Entwicklungen und Ergebnisse.

„Ob die Daten der Wahlumfrage stimmen oder nicht“, sagte Politikwissenschaftler Peter Filzmeier gegenüber ORF.at, die Symbolik werde auf die Bundesregierung übertragen. Sowohl in Wien als auch in Innsbruck regiert eine schwarz-grüne Koalition. Die Frage sei, ob die ÖVP nur ein schlechtes Wahlergebnis oder einen kompletten Machtverlust bekomme, so Filtzmeier. Letzteres ist unwahrscheinlich, aber in Tirol ist die Möglichkeit bemerkenswert.

„Das Zauberwort ist ein Wartespiel“, sagt Filterzmeier. Bei Plater wurde die Situation immer beschönigt, wenn es Ärger gab. „Mattel setzt niedrige Erwartungen, was klüger ist. Danach kann man mit 30 Prozent immer noch gut abschneiden“, auch wenn man für die Tiroler ÖVP den größten Verlust macht.

Vernunft und Realpolitik

Der Bundes-ÖVP werde dies nicht schaden, sagte Filterzmeier. Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) sitzt fest im Sattel, bis die Partei eine Eigendynamik entfaltet. Der strategische Grund verbietet eine Debatte um einen neuen Vorsitzenden, denn der Wechsel bringt der ÖVP derzeit nichts, außer dass bei der nächsten Landeswahl in Niederösterreich im nächsten Jahr ein neuer Chef geschädigt wird. Auf die strategische Vernunft sei jedoch laut Filtzmeier nicht immer Verlass, gerade im Fall der ÖVP mit den vorangegangenen unzähligen Debatten um den Vorsitzenden.

Grafiken: APA/ORF.at

Für die Grünen in der Bundesregierung erwartet Filtzmeier von der Landtagswahl keine großen Auswirkungen. Die Grünen in Tirol mit ihrem Spitzenkandidaten Gebbi Mair hingegen stehen kurz davor, ihre Regierungsbeteiligung vorerst zu beenden. Eine schwarz-grüne Zweiparteienmehrheit ist unwahrscheinlich, da auch die Grünen in den Umfragen zuletzt auseinanderdrifteten.

Blick auf Sankt Pölten

Ähnlich sieht das die Politikwissenschaftlerin Katrin Steiner-Hammerle im Interview mit ORF.at. Auch bei einem Landeshauptmannwechsel wird es wohl keine direkten Auswirkungen auf die Bundespolitik haben, wohl aber auf die Parteien, allen voran die ÖVP. „Sie wird nachdrücklich betonen, dass es sich um eine reine Landtagswahl handelt, die nichts mit der bundesweiten ÖVP zu tun hat“, sagte Steiner-Hammerle.

Unzufriedenheit innerhalb der Partei dürfte eine Rolle spielen, etwa in Niederösterreich, wo im nächsten Jahr Wahlen anstehen. Dort muss Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) bereits mit großen Verlusten rechnen. „Nach der Tiroler Wahl kann Mickle-Leitner die Bundespartei kritisieren, sie kann sagen, dass in der ÖVP zu wenig passiert, und eine Debatte um den Vorsitzenden kann beginnen. Aber das Problem wäre das Personal – wer würde dann von Nehamer ablösen?“, sagte der Politikwissenschaftler. Auch wenn die ÖVP die Kommunikation für Großschadensfälle vorbereitet hat, kann es in der ÖVP schon mal brodeln.

Eine Vorentscheidung gegen die Beteiligung der FPÖ

Das sieht auch die Tiroler SPÖ mit Georg Dornauer an der Spitze, sie kam in den Umfragen kaum zustande. Alles andere als Platz zwei wäre eine Enttäuschung für die SPÖ. Dornauer trat mit dem Ziel einer Zweiparteienkoalition mit der ÖVP in den Wahlkampf ein; er lehnt eine Mehrparteienkoalition ab. Rein rechnerisch könnte die FPÖ auch mit Spitzenkandidat Markus Abwerzger mit der ÖVP koalieren, doch Mattel schloss Schwarz-Blau für Tirol von vornherein aus.

In Tirol werden die Karten neu gemischt

Am Sonntag wird in Tirol gewählt. Die Top-Anwärter diskutierten am Dienstagabend auf ORF2. Politikwissenschaftler Peter Filzmeier analysiert im ZIB2.

Abwerzger dürfte am Sonntag kräftig zulegen, die FPÖ liegt in den Umfragen zwischen 16 und 19 Prozent und könnte die SPÖ theoretisch auf Platz zwei überholen. Da keine der betroffenen Parteien bereit sei, mit der FPÖ zu koalieren, forderte Abwerzger, nach der Wahl weitere “Arbeitsverträge” mit den Oppositionsparteien abzuschließen. Wenn eine Koalition zweier Parteien nicht möglich ist, können sich drei Parteien auf mehrere Punkte einigen – der Rest passiert dann im „koalitionsfreien Raum“.

Auch List Fritz unter seiner Spitzenkandidatin Andrea Haselwanter-Schneider dürfte deutlich zulegen. Sie können mit bis zu 14 Prozent rechnen, sagen Umfragen voraus. Anders als NEOS und die Grünen strebt List Fritz keine Vierparteienkoalition an.

ORF.at/Christian Öser Parteien außerhalb der ÖVP hoffen meist auf eine Mehrparteienkoalition

Tatsächlich sorgte Mattels Absage an die FPÖ für Turbulenzen, nicht alle in der ÖVP teilten seine Meinung. Wenn eine Landesregierung mit der SPÖ nicht klappt, wird sie über eine Mehrparteienkoalition nachdenken müssen, die auch innerhalb der Partei wenig Anhänger haben wird.