Im Streit um die deutsche Entschädigung für die Familien der israelischen Opfer des Attentats auf die Olympischen Spiele 1972 in München zwischen den Angehörigen der elf von palästinensischen Terroristen getöteten Olympiateilnehmer und der Bundesregierung ist eine Einigung erzielt worden. Das teilte der frühere Innenminister Gerhart Baum (FDP) der Deutschen Presse-Agentur am Mittwoch mit. Der Rechtsanwalt vertrat gemeinsam mit Kollegen einer Düsseldorfer Anwaltskanzlei die Hinterbliebenen in den Verhandlungen. „Die Vereinbarung ermöglicht auch eine würdige Feier am 5. September im Beisein der Präsidenten Yitzhak Herzog und Frank-Walter Steinmeier und vor allem im Beisein der Trauernden, die sich bereit erklärt haben, unter den neuen Umständen an der Feier teilzunehmen“, erklärte Baum. Das Abkommen umfasst nicht nur materielle und immaterielle Anerkennungsdienste. „Ebenso wichtig ist, dass die Angehörigen das damals Geschehene aufarbeiten – jetzt mit Offenlegung aller Quellen.
Deutschland wird Berichten zufolge insgesamt 28 Millionen Euro an die Angehörigen zahlen. Davon müssen mindestens 20 Millionen vom Bund kommen, den Rest wollen der Freistaat Bayern und die Landeshauptstadt München beisteuern. Angehörige wollen nun am kommenden Montag zur offiziellen Trauerfeier auf dem Luftwaffenstützpunkt Fürstenfeldbruck anreisen.
In den vergangenen Tagen wurden nach Angaben aus deutschen Regierungskreisen intensive Gespräche mit Anwälten der Angehörigen der Opfer geführt. Eine gütliche Einigung habe “sehr hohe Priorität”, sagte ein mit den Verhandlungen vertrauter Beamter. Am Dienstagabend wurde schließlich eine Einigung erzielt, um einen Skandal in letzter Minute zu vermeiden. Zu den Feierlichkeiten am Montag werden auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und sein israelischer Amtskollege Isaac Herzog erwartet. Letztere dürften allerdings nicht eintreffen, wenn die Trauernden, wie vor Wochen angekündigt, die Zeremonie boykottieren. In Berlin rechneten sie mit einem durchschnittlichen einstelligen Millionenbetrag für die Angehörigen – die Rede war von 5,4 Millionen Euro. Trauernde hatten dies als „Tipp“ und „Beleidigung“ abgetan. Ihre Forderungen, die sich an international üblichen Entschädigungssummen orientierten, waren zunächst deutlich höher, angeblich rund zehn Millionen Euro für jeden der elf getöteten Israelis. „Die knapp 30 Millionen sind ein akzeptabler Kompromiss für beide Seiten“, hieß es aus bayerischen Regierungskreisen.
Angehörige berichten, dass es sowohl vor dem Angriff als auch während des abschließenden Polizeieinsatzes auf dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck schwere Versäumnisse und Fehler deutscher Sicherheitskräfte gegeben habe, die elf Athleten und einem deutschen Polizisten das Leben gekostet hätten. Eine angemessene finanzielle Entschädigung würde signalisieren, dass die Bundesrepublik erstmals seit 50 Jahren die Verantwortung für dieses Versagen übernimmt, betont Anki Spitzer, Sprecherin der Hinterbliebenen und Witwe des ermordeten Fechttrainers Andrej Spitzer.
Bundespräsident Steinmeier soll planen, eine deutsch-israelische Historikerkommission mit der vollständigen Aufarbeitung der Jubiläumsereignisse zu beauftragen. Auch Steinmeier wollte sich für das deutsche Scheitern entschuldigen, als erster Vertreter der Bundesrepublik überhaupt. Was als versöhnliche Geste geplant war, droht am Entschädigungsstreit zu scheitern.
Gespräche in Meseberg
In den vergangenen Wochen zeigte sich, dass die Forderungen der Angehörigen und das Angebot der Bundesregierung nicht mehr in Einklang zu bringen waren. Das Bundesinnenministerium plädierte insbesondere dafür, die Verhältnisse zu anderen Entschädigungszahlungen zu berücksichtigen, etwa nach dem Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz in Berlin. Das Kanzleramt verwies jedoch auf den Schaden, der eintrete, wenn es zu keiner Einigung komme. Am Rande einer Kabinettssitzung in Meseberg berieten das Bundeskanzleramt und die beteiligten Ressorts, die Innen- und Justizministerien sowie das Auswärtige Amt, am Dienstag erneut über das neue Angebot. Eine wichtige Rolle spielte offenbar, dass die Angehörigen ein Anwaltshonorarangebot machten. Ihre Interessen werden durch ein niederländisches und jetzt auch ein deutsches Büro vertreten.
Thema in den israelischen Medien
Das berichtete die auflagenstarke israelische Tageszeitung am Dienstagmorgen Yedioth Ahronoth unter Berufung auf hochrangige israelische Beamte, dass Deutschland bereit sei, das Angebot für die Familien der Opfer „deutlich zu erhöhen“. Um wie viel sagt der israelische Bericht nicht. Anki Spitzer bestätigte der SZ, dass derzeit Gespräche auf „höchster Ebene“ geführt würden, um noch vor der Feier eine Lösung zu finden. Die deutsche Seite wolle “Peinlichkeiten vorbeugen”, sagte sie. Berichte in den israelischen Medien über ein gezieltes und erhöhtes deutsches Angebot sind jedoch ‚Unsinn‘ und haben sehr deutlich gezeigt, was unser absolutes Minimum ist, jetzt muss die deutsche Seite eine endgültige Entscheidung treffen“, sagte Spitzer. „Sie schulden uns eine faire Entschädigung und Ich werde nicht zulassen, dass Deutschland uns zu Bettlern macht.”
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